Offener Brief an Herrn Gemeinhardt bzgl. seiner Warnung zur Unmachbarkeit der Kennzeichnungsverordnung

Sehr geehrter Herr Gemeinhardt,

erst einmal Glückwunsch zu Ihrem Hotel, dass schon so lange die Irrungen und Wirrungen der Politik und Geschichte überstanden hat. Ich bin gestern auf Ihren Brief auf Facebook zur Lebensmittelkennzeichnungsverordnung auf Facebook und die Reaktionen der Betroffenen gestoßen, die Ihr Hotel im Moment überrollt. Ich bin sowohl Ernährungsberaterin wie auch Verantwortliche für den Social Media-Bereich eines mittelständischen Unternehmens und möchte ich Ihnen anhand Ihres Briefes aufzeigen, was da gerade passiert und warum die Menschen so enttäuscht und wütend sind. 

Zuallererst einmal bin ich sehr erstaunt darüber, dass Sie so einen Brief öffentlich stellen. Würden Sie sich denn in die Fußgängerzone von Aschaffenburg stellen und lauthals schreien, dass Sie keine Gäste mehr in Ihrem Lokal möchten? Garantiert nicht! Warum tun Sie es dann auf Facebook?

Sie schreiben, es ginge um eine Allergiker-Auszeichnungsverordnung. Doch der Begriff stimmt natürlich nicht. Ein Allergiker muss keine Armbinde tragen, die ihn als solches kennzeichnet, sondern es geht um die Lebensmittelkennzeichnungsverordnung, die vorschreibt, dass die 14 Hauptallergene gekennzeichnet werden müssen. (Aber es gibt tatsächlich einige Zöliakie-Betroffene, die sich das Zeichen für glutenfrei freiwillig und nicht aufgrund von EU-Verordnungen haben tätowieren lassen, das nur am Rande.)

Zu Ihrem Beispiel mit dem Cappuccino: es muss lediglich in der Karte vermerkt sein, dass dieser Milch enthält, egal ob Sie es ausschreiben oder mit Fußnoten kennzeichnen. Die Schokolade spielt dabei keine Rolle. Wenn Sie ein dem laktoseintoleranten Gast einen Cappuccino anbieten wollen, machen Sie ihn doch mit laktosefreier Milch. Der Gast wird voller Lobes über Ihr Haus sein!

Um die Herkunft des Bratfettes und den Futterzusammensetzungen des Eilieferanten geht es in diesem Schritt überhaupt noch nicht, wie Sie in Ihrem Brief befürchten. Wenn aber laut Herstellerangabe eine der 14 Allergene im Bratfett enthalten ist, dann müssen Sie dies angeben.

Gerade in der klassischen Küche, die wie Ihre Wert auf Regionalität legt, sollte die Kennzeichnung kein Problem sein, denn Sie setzen doch bestimmt keine Convenience-Produkte ein, von deren Packungen Sie die Inhaltsstoffe abtippen müssten. Und wenn Ihr bevorzugtes Bratfett Butter ist, dann enthält jedes gebratene Gericht eben Milch als Allergen. Bei der Herstellung Ihrer Fonds könnten Sie z.B. überlegen, ob Sie Sellerie nicht durch Pastinaken ersetzen. Und beim Einsatz von Rindfleisch wird Ihnen bestimmt der Landwirt eines Bauernhofes in ihrer Region im Gegensatz zum Importeur von Fleisch aus Argentinien genau sagen können, mit was die Rinder gefüttert wurden, sofern die Neuregelung der Fleischherkunft ab dem 1.4.2015 auch die Gastronomie betreffen sollte.

Nun zu dem Teil Ihres Briefes, der die meiste Empörung bei den von Lebensmittelallergien und -intoleranzen Betroffenen hervorruft. Leider verhalten Sie sich genau so, wie Sie es der EU vorwerfen: Sie denken nur an Ihre Belange und vergessen, dass es echte Menschen und Ihre Gäste sind, die davon betroffen sind – nur sind es jetzt nicht Sie als Gastronom, sondern wir als Allergiker. Wie Sie habe ich auch schon oft Möchte-Gern-Allergiker getroffen, die sich gerne mit den neuesten Modetrend-Allergien schmücken. Aber als Ernährungsberaterin und selbst Betroffene kenne ich auch die andere Seite, die Menschen, die schon seit Jahren nicht mehr in Lokale gehen und derentwegen auch Familienfeiern nur noch im privaten Rahmen stattfinden können. Kurz wie Sie es schreiben: die Ihr Essen komplett selbst kochen. Doch warum vergraulen Sie diese Gäste mit einer Aufzählung von vermeintlichen Allergenen, die die meisten Betroffenen als Frechheit o.ä. empfinden? Bei den meisten geht es nicht um „Irritationen“, wie Sie es so verharmlosend nennen, sondern um ihre Gesundheit, die durch den Verzehr eines Allergens akut gefährdet sein kann.

Allergiker sind nicht willkommen

Da Sie selbst schreiben, dass Ihr Betrieb „vor dem Scheitern“ steht, frage ich mich, warum Sie Gäste ausschließen? Denn durch Ihren Brief haben Sie leider schon einige Gäste verloren. Stattdessen sollten Sie jetzt die Möglichkeit nutzen, neue Gäste zu gewinnen. Lassen Sie sich diese Chance nicht entgehen!

Ich wünsche Ihnen für Ihr Haus in Zukunft mehr Erfolg – besonders was den Auftritt im Social Media angeht.
Ihre
Julia Stüber / Essen mit Gefühl

3 thoughts on “Offener Brief an Herrn Gemeinhardt bzgl. seiner Warnung zur Unmachbarkeit der Kennzeichnungsverordnung

  1. Hallo Julia,

    das Schild sollte es wirklich zu kaufen geben. Ich schmeiß mich weg. Habe es direkt mal an alle „Ernährungstechnischen Grenzfälle“ geschickt. xD

    Liebe Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr,
    (auch) Julia

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